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Oh my God, it´s full of stars

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 My God, it´s full of stars

Was soll ich sagen … der Wetterbericht war ideal, die Tour schon lange geplant … also alles gepackt und ab ins Stubaital. 28 Grad im Schatten ist für die meisten ja eher ein Anreiz zum Schwimmen zu gehen, nicht jedoch für uns. Der Aufstieg zur Franz Senn Hütte mit 22kg Foto- und Bergausrüstung auf dem Rücken, ließ in einem jedoch schon die Frage aufkommen, wieso man sich das antut und nicht wie alle anderen an einem See liegt.

Das Ziel war eigentlich einer der schönsten Bergseen Tirols, der auf 2665m gelegene Rinnensee. In der Hütte “eingecheckt”, bezogen wir (meine Frau, unsere beiden Hunde und ich) unser gemütliches Zweibettzimmer, das wir geplanter Weise quasi nur als Basecamp nutzen wollten: Wer am Rinnensee bis ca. 1.00 Uhr morgens fotografieren möchte, hat danach noch eine Stunde Abstieg durch die Dunkelheit vor sich, auf einem recht beschwerlichen Weg zur Hütte. Nachdem es auf der Hütte nur Frühstück bis 7.30 Uhr gibt, sollte diese Nacht also nicht allzu lange werden. Ein Zelt war diesmal keine Option, wir hatten nämlich keine Lust die ganze Nacht im Schnee zu verbringen, denn die Auskunft des Hüttenwirtes erbrachte, daß ab ca. 2400m noch recht viel Schnee läge.
Nach einem leckeren Abendessen machten wir uns auf die Socken Richtung Rinnensee. Die verdutzte Frage: “Wo wollt Ihr jetzt noch hin???” hörte ich noch immer in meinen Ohren schallen und hatte dabei das verständnislose Gesicht der Bedienung der Hütte vor Augen, als die Hütte unter uns immer kleiner wurde und wir schwer beladen, gegen 20.00 Uhr in Richtung Rinnensee stapften. Die 450 Höhenmeter von der Hütte fühlten sich irgendwie  doppelt so weit an, nach dem üppigen Drei-Gänge-Menü mit den schweren Rücksäcken auf dem Buckel. Unser steiler und beschwerliche Aufstieg über teilweise riesiges Blockwerk und durch zahlreiche rauschende Bergbäche, wurden von einem Pfeifkonzert der Murmeltieren eskortiert, die sich wohl über die späte Störung ärgerten und unsere beiden Jagdhunde beinahe um den Verstand brachten. Kurz vor dem letzten Aufschwung präsentierte sich, in bester Pose und Abendlicht, eine Gämse auf einem Felsvorsprung, perfekt freigestellt gegen einen dramatischen Abendhimmel, in idealer Distanz für ein 500mm Objektiv. In mich hinein fluchend verteufelte ich alle Hersteller schweren Fotoequipments. Natürlich hatte ich die schwere und unhandliche Telelinse nicht auch noch mitgenommen. Die Gämse ließ sich nicht durch die späte Ruhestörung und mein „Gefluche“ aus der Fassung bringen und beobachtet unser, für sie wohl ungewohnt spätes Eindringen in Ihr Revier, von ihrer Aussichtskanzel. Erst durch das aufgebrachte Winseln unserer beiden Jagdhunde, die gegen einen kleinen “Nachtisch” wohl nichts einzuwenden gehabt hätten, wurde es dem Gamsbock doch etwas mulmig und er verschwand von seinem Ausguck.
Über den letzten Buckel und wir waren am See … d.h. das was Eis und Schnee in diesem Jahr bisher von dem See freigeben hatten. Der Rest lag noch immer unter einer dicken Schneedecke begraben. Wir waren dort schon häufig früher im Jahr unterwegs, jedoch lag dort noch nie so viel Schnee wie in diesem Jahr. Die Spiegelung der Milchstraße konnte ich nun also teilweise vergessen … Kopfschüttelnd stapfte ich durch den weichen Schnee am Ufer entlang, um eine geeignete Position für meine Kamera zu finden, um möglichst viel “Spiegelung” der gegenüberliegenden Bergkette mit auf das Bild zu bekommen … “Moment mal” … vor kurzem gab es doch noch eine gegenüber liegende Bergkette … Jetzt hatte sich eine riesige Nebelwand wie eine gigantische Decke über das komplette Bergmassiv gelegt und rollte auf uns zu. Ein “na toll” kam mir gerade noch über die Lippen, und Minuten später standen wir in dichtem Nebel. Meine Frau und Hunde hatten es sich bereits in ihren Daunenklamotten mit Tee und Decke gemütlich gemacht und ein kleines gemütliches “Biwak” auf einem großen Felsen eingerichtet, der perfekt geschützt wie ein gigantischer Ohrensessel halb geöffnet zur Seeseite lag. “Es ist doch erst 10 Uhr”, versuchte sie mich zu trösten und gab mir eine Tasse heißen Tee. Der Blick ins Smartphone zeigte noch immer ein “wolkenlos für die ganze Nacht”, in der aktualisierten Wetterapp. So kuschelten wir uns zu viert in den “Ohrensessel” und sahen dem Nebel dabei zu, bei dem was Nebel ebenso macht: mein Motiv verhüllen! Gefühlte Stunden später gaben die sich auflösenden Schwaden, den Blick plötzlich (um ca. 11.00 Uhr) teilweise wieder frei und ich machte ein paar Probeaufnahmen. Obwohl es für das Auge bereits fast komplett dunkel war, sah meine Kamera das anders, so daß es für die geplanten Milchstraßenaufnahmen wohl noch mindestens eine Stunde dauern würde. Der Nebel verdichtete sich erneut, um sich Minuten später wieder aufzulösen. Die ersten Sterne erschienen, jetzt für die an die Dunkelheit adaptierten Augen. Doch mit den ersten Sternen erschien noch etwas ganz anderes, auf das wir gerne verzichtet hätten: Wetterleuchten … noch mehr Wetterleuchten … Der panische Blick auf das Blitzradar ergab nur folgendes: “kein Netz”. Keine Verrenkung oder noch so artistische Einlagen auf einem exponierten Felsen führte zu dem gewünschten Ergebnis, eine günstigere Position für ein besseres Netz zu bekommen. Die Netzbalken blieben verschwunden.
Wer schon einmal ein Gewitter in über 2000m Höhe miterlebt hat so wie wir, ist nicht besonders scharf darauf dieses “erleuchtende” Erlebnis zu wiederholen. 
Der Nebel verdichtete sich erneut und das Wetterleuchte nahm zu…
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Meteorologen dafür entschuldigen, was ich in dieser Nacht über sie gesagt oder gedacht habe… 
Es half jedoch kein Zetern oder Jammern, die Ausrüstung wurde zusammengepackt und wir machten uns schleunigst an den Abstieg. Der zu Beginn weglose Abstieg über Blockgelände gestaltete sich in der Nacht und bei Nebel nicht ganz so einfach. Die wenigen Wegmarkierungen und Steinmänner waren nur Dank extrem leistungsfähiger Stirn- und Taschenlampen aufzufinden. Ein GPS Gerät war zwar zur Hand, jedoch hätte ein auch noch so kleines Versteigen ein großen Zeit- und Kraftverlust in diesem Gelände nach sich gezogen und schließlich war das Wetterleuchten zwischenzeitlich nicht weniger geworden. Der Schein unserer Lampen war die einzige Lichtquelle, die die wenigen Meter des Berges vor uns erhellte. Ohne sie war es auf Grund des Nebels stockfinster um uns herum, selbst für das an Dunkelheit adaptierte Auge. Der weitere Abstieg über Schotter, Geröll und Altschneefelder ging jedoch problemlos, so daß wir schnell an Höhe verloren und schließlich zügig an die Gletscherseitenmoräne zurückkamen.
Jetzt deutete meine Frau Richtung Himmel, den ich die letzten Minuten, vor lauter mich über die Meteorologie ärgern, ganz vergessen hatte. Der Himmel war nun sternenklar und  gab den Blick auf eine beeindruckende Milchstraße frei. Das Wetterleuchten im Süden war zwar nicht ganz verschwunden, aber jetzt ohne Nebel konnte man deutlich sehen, daß dort im Süden keine bedrohliche Gewitterfront auf uns zukam. Das Wetterleuchten stammte wohl von einem weit in Südtirol tobenden Gewitter.
Wir waren ca. 200m oberhalb der Hütte, so daß der Blick noch immer wunderbar über das weite Oberistal schweifen konnte. Zwar ohne Rinnensee und Spiegelung, aber so kam ich doch noch zu meinem Milchstraßenpanorama.
(Wer Stanley Kubricks 2001 Odyssee im Weltraum kennt ist sicher aufgefallen, daß der Titel meines Panoramas, als bescheidene Hommage an diesen einmaligen Film gedacht sein soll)