Über den Wolken

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“…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!”

Genau so ist es! Liegt im Herbst der Talgrund oft unter einer dicken Hochnebeldecke verborgen, so hat man auf den Bergen (wenn sie nur hoch genug sind) freie Sicht und kann die Wolkendecke von oben bewundern. Für mich klar die schönste Zeit meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Bergsteigen.

Im Timelapse sieht man erst die Bewegung das Hochnebels …

So sind wir um 3 Uhr morgens wieder einmal von einem einsamen Parkplatz gestartet um auf einen unserer Hausberge (Rietzer Grieskogel 2884m) zu steigen. “Wer ist auch so blöd und steht um 1.30 Uhr auf, um pünktlich zum Sonnenaufgang auf einem Gipfel zu stehen?”,  ging es mir durch den Kopf. Und wenig später meldete sich der “innere Schweinehund” erneut zu Wort, den ich kurz nach Klingeln des Weckers versucht hatte zum Schweigen zu bringen: “warum tut man sich das immer wieder an?” stichelte “er”, als es die erste steile Flanke zu bewältigen galt und mich bereits ins Schwitzen brachte. “Keine Ahnung” sagte ich vor mich hin, und unsere Hündin Dania, die vorausmarschierte spitze kurz die Ohren, als ob ich sie gemeint hätte. Es war um 3 Uhr morgens bisher eine mondlose Nacht gewesen, dieser sollte erst um 4.00 Uhr aufgehen, und so umgab uns pechschwarze Dunkelheit. Nur der Schein unserer Stirnlampen erhellte die wenigen Meter des Aufstiegsweges vor uns.

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Erstes Tageslicht

In  Mieming waren wir unter einer dicken Hochnebeldecke gestartet, doch im Kühtai war es bereits sternenklar und in der Dunkelheit funkelten die Abermillionen Sterne der Milchstraße über uns, die deutlich mit freiem Auge sichtbar war. Ein wenig ärgerte ich mich nicht bereits schon deutlich früher aufgestiegen zu sein, denn der hellste Teil der Milchstraße war so spät im Jahr um diese Uhrzeit bereits weit unter dem Horizont verschwunden. Mein innerer Schweinehund zeigte mir nur  teilnahmslos den “Vogel”.

Hat man keine Anhaltspunkte durch die in Dunkelheit gehüllte Umgebung, ist man komplett auf das Steigen und den nächsten Schritt fokussiert und deshalb meist hoffnungslos in seinen Gedanken versunken. Das führt dazu, daß einem der Weg in der Dunkelheit oft deutlich kürzer vorkommt, als man es von tagsüber vielleicht gewöhnt ist. So gewannen wir schnell an Höhe. Die Kälte der klaren Nacht biss im Gesicht und der Hauch unserer Ausatemluft gefror in wenigen Augenblicken in den Haaren und auf der Oberfläche der Funktionskleidung. Bisher war der Weg auf dem südseitigen Anstieg komplett schneefrei, jedoch hatte Väterchen Frost die spärliche Vegetation, jeden Stein und alle Felsen auf dieser Höhe mit dicken Eiskristallen überzogen, die im Schein unserer Stirnlampen wie tausende Diamanten funkelten. Bei jedem Schritt knirschte der Frost unter unseren schweren Bergstiefeln. In der Dunkelheit rauschte ganz in der Nähe ein Bergbach und die für Herbst erstaunlichen Wassermassen zauberten stiebend tausende Wassertröpfchen in die Luft, die im Schein unserer Lampen vor unseren Gesichtern tanzten.


Mare Nubium

MARE NUBIUM, das Wolkenmeer vom Gipfel gesehen

Da wir schon so oft auf dem Rietzer Grieskogel standen fiel die Orientierung nicht schwer, trotz der etwas in der Dunkelheit schlecht zu findenden Markierung (besonders nach der Bachquerung), und wir kamen nach einer letzten steilen Flanke endlich auf den breiten Sattel, der in den Gipfelgrat mündet. Noch immer war es stockfinstere Nacht als wir von dort zum ersten mal den Blick ungehindert nach Norden über das Inntal und die Berge bis weit nach Deutschland schweifen lassen konnten. Diese Aussicht raubt einem jedes Mal den letzten, wenigen Atem, der nach der steilen Rampe noch überbleibt. Die Lichter der Städte und Dörfer mehr als zweitausend Meter weiter unten, leuchteten gedämpft durch den dicken Hochnebel, der wie eine kuschelige Decke aus bauschiger Watte das gesamte Inntal viele hunderte Höhenmeter unter uns einhüllte. Im Norden blitzen die Lichter des Münchner Hauses ganz auf der Spitze der Zugspitze zu uns herüber und es fiel gar nicht so leicht die umliegenden Berge, die ich normaler Weise wie meine eigene Westentasche kannte und bestimmen konnte, zu identifizieren. Die vom Tal gewaltige Hohe Munde z.B. ragte nur mit ihrer äußersten Spitze aus dem Nebel heraus und wirkte wie ein mickriger kleiner Felsen in einer tosenden Meeresbrandung.

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Die Hohe Munde ragt nur mit einem kleinen Spitz aus dem Hochnebel

Nordseitig lag der Berg bereits im tiefen Winterschlaf und wurde durch buckelhart gefrorenen Schnee bedeckt, durch den nur noch die größten Felsbrocken herausragten. Wie mit einem Lineal gezogen zog sich die Schneegrenze auf dem immer schmäler werdenden Grat bis auf den Gipfel fort. Südseitig hatte die Sonne der letzten Tage den Schnee längst fast vollständig wieder abschmelzen lassen, doch war auf dem Gipfelgrat der Fels mit einer dicken Glasur aus aus Eis und Frost überzogen, so daß unserer Bergstiefel immer wieder auf den glatten Platten abrutschten. Der Gipfelgrat ist für einen etwas schwindelfreien Bergsteiger im Sommer bei trockenen Verhältnissen problemlos begehbar, doch die eisigen Verhältnisse zwangen uns die Leichtsteigeisen anzulegen, gab es doch ein paar Stellen zu überwinden, an denen ein falscher Schritt der letzte hätte sein können. Die Zacken der Steigeisen kratzen knirschend über den eisig glasierten Felsen und wir balancierten immer weiter auf der “Himmelsleiter” in Richtung Gipfel empor. Im Osten zauberte Aurora, die Göttin der Morgenröte bereits die erste Farbe in den Osthimmel und die  schmale Sichel des aufgehenden, abnehmenden Mondes leuchtete direkt neben dem Gipfel. “Das ist der Grund” ätzte ich lauthals meinem inneren Schweinehund entgegen. Unsere Hündin blickte erneut erschrocken zu mir  auf,  entschloss sich dann aber alsbald weiter auf dem Grat nach oben zu tanzen. Der innere Schweinehund schwieg.

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Der Grund für die ganze “Plackerei”

Nach einem kleinen Vorgipfel weicht man in die nordseitige Flanke des letzten Gipfelhangs aus, um hier sehr steil den letzten Aufschwung zu bewältigen. Bei schneefreien Verhältnissen leiten hier enge Serpentinen auf einem schmalen Steig zum großen Gipfelkreuz, doch jetzt lag dieser Steig komplett unter einer buckelharten Schneedecke begraben. Die Spuren einer früheren Besteigung eines Bergsteigers, die wir im wenigen Schnee zuvor auf dem Gipfelgrat gefunden hatten, stoppten hier abrupt. Entweder war dieser hier umgekehrt oder hatte die felsige und recht ausgesetzte “Diretissima” zum Gipfel gewählt. Da wir unserer Steigeisen anhatten, zogen wir es vor die eisige Schneeflanke zu nehmen. Knirschend schlugen wir unsere Zacken der Steigeisen Schritt für Schritt, die letzten Meter zum Gipfel, in den Schnee. Unsere Hunde schauten uns mitleidig an, während sie in ein paar Sätzen den letzten Hang empor sprangen. “Ja Hund müsste man hier sein, dann hat mein seine “Steigeisen” immer an, dachte ich mir.

Auf dem Gipfel angekommen konnten wir zum ersten Mal das gesamte Ausmaß des Hochnebels überblicken. Bis weit nach Deutschland reichte die Nebeldecke und hatte das ganze Inntal und alle niederen Gipfel geschluckt. Die Morgenröte ließ das warme Licht auf der Oberseite der” bauschigen Watte Wolken” reflektieren und die letzten der hellsten Sterne, die schmale Sichel des Mondes und der “Morgenstern” Venus funkelten noch immer vom Firmament.

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Endlich kommt die Sonne und wärmt unsere “eingefroren” Finger…

Bevor an ein erstes Foto zu denken war musste ich diese Eindrücke erst einmal verdauen und diese unbeschreibliche Schönheit und Ruhe genießen. Dies sind die Augenblicke in denen man ganz genau weiß, wieso es sich immer wieder lohnt den “inneren Schweinehund” auszutricksen. Steht man dort oben ganz alleine auf der Spitze des Berges, fühlt man sich wie der erste Mensch, der diesen Punkt jemals betreten hat. 360 Grad grenzenlose Aussicht auf hunderte Berge und eine Wolkendecke, die jegliche Zeichen menschlicher Existenz, tausende Meter weiter unten im Tal komplett verhüllte.

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360° “Bergerlebnis” zum Sonnenaufgang mit Halo

Als die Sonne aufging hatten wir schon einige Bilder im Kasten und wir waren heilfroh, für die sofort einsetzende Wärme der ersten Sonnenstrahlen. Die eisige Kälte hatte meine Finger trotz Handschuhe fast taub werden lassen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit heißem Tee auf einer Frühstücksterrasse mit der wahrscheinlich weltweit schönsten Aussicht, machten wir uns an den langen Abstieg und genossen die Einsamkeit und herbstliche Schönheit, die dieser Berg immer wieder für uns bereithält.

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Ein Nebelmeer soweit das Auge reicht

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Blick zurück über den Gipfelgrat zum Rietzer Grieskogel von Sattel

Als wir im Talgrund des Kühtais angekommen waren gab der sich auflösende Hochnebel den Blick auf die “brennenden” Herbstfarben des Tales frei, die wir noch ausgiebig vor der Heimfahrt genießen konnten.

_MG_0128 Kopie _MG_0141-Bearbeitet KopieHerbstfarben im Kühtai

 

 

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