DER PERFEKTE SONNENUNTERGANG

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Wenn es im Sommer zu heiß wird im Tal, kann man sich am besten an einem Badesee erfrischen oder man steigt einem Berg auf den „Kopf“. Je höher umso besser.
Unsere Wahl viel auf den zweiten „Lösungsansatz“. So wollten wir eine Gletscherhochtour über das Hochjochhospiz (2413m), den wunderschön angelegten Dolorettenweg und über den zahmen Kesselwandferner zum Brandenburger Haus, der höchstgelegenen Hütte des deutschen Alpenvereins auf 3277m, unternehmen.
Zu den bei einer Gletscherhochtour sowieso schon schweren Rucksäcken mit gewichtigen Ausrüstungsgegenständen bepackt wie Seil, Pickel, Steigeisen, Klettergurt, Eisschrauben und allerlei Sicherungsmaterialen, die im Falle eines Falles die (Selbst)Rettung aus einer Gletscherspalte sicherstellen sollten, gesellte sich zusätzlich noch die nicht gerade leichte Spiegelreflex Kameraausrüstung. So stapften wir (Christian Schipflinger, Christina Roemmelt und ich) von Vent aus mit ca. 21kg schweren Rucksäcken in der Nachmittagshitze Richtung Hochjochhospiz.
Wenn die Rucksäcke nicht so arg gedrückt hätten, hätte man diesen herrlichen Weg oberhalb einer vom Gletscherwasser in den Fels geschürften Schlucht mit dem dazu gehörigen Gletscherwildbach, fast genießen können.
Auf dem urigen und extrem freundlichen Hochjochhospiz, das man ca. nach 2 Stunden und 6,5 km erreicht, wollten wir unsere erste Nacht verbringen um frisch ausgeruht ganz in der Früh Richtung Gletscher zu wandern.
Bei strahlendem Sonnenschein luden wir am nächsten Morgen nach einem wunderbaren Frühstück (auf manchen Hütten kommt man sich schon wie in einem Hotel vor 😉 )erneut unserer „Monsterrucksäcke“ auf, und machten uns an die restlichen 900hm und 7,5 km bis zum Brandenburger Haus. In relativ angenehmer Steigung steigt man auf dem Dolorettenweg oberhalb des Wildbaches der Gletscherzunge entgegen. Relativ bald hat man eine traumhafte Sicht auf den Steilabbruch des Kesselwandferners mit in den letzten Jahren leider ebenfalls deutlich geschrumpften Gletschereis. In den letzten 10 Jahren war ich 2 mal auf dem Brandenburger Haus, dem Fluchtkogel und der Weißseespitze und nur innerhalb dieser für einen Gletscher lächerlichen Periode hat selbiger arge Eisverluste hinnehmen müssen. Nach einer etwas heiklen Querung eines ziemlich steilen und so früh morgens noch buckelhart gefrorenen Altschneefelds, erreichten wir die hier oben recht flache Gletscherzunge. Der Kesselwandferner war in dieser Jahreszeit noch komplett verfirnt und obwohl ich bei aperen Verhältnissen auf diesem Weg noch nie eine potentiell menschenverschlingende Spalte gesehen habe seilten wir ein, wie man es auf einem verschneiten oder verfirnten Gletscher immer tun sollte.

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Christian auf dem Kesselwandferner

Das Brandenburger Haus hatte schon seit einiger Zeit von der Ferne auf dem Gipfelgrat thronend „frech“ zu uns heruntergegrüßt. Gefühlte „Stunden später“ mochte die recht nahe erscheinende Hütte einfach immer noch nicht näher kommen und wir stapften mühevoll weiter durch den jetzt schon butterweichen Firn. Ein paar kleinere Spalten mussten wir auf der gut ausgetretenen Spur übersteigen, bis wir endlich am Fuße der Dahmannspitze angelangten und uns von den klimpernden Klettergurten befreien konnten. Der letzte steile Aufschwung im Blockgelände zum 3277m hohen Schutzhütte ließ uns dann mit dem schweren Rucksack heftig „pumpen“, und wir freuten uns natürlich sehr, als uns die Hüttenwirtin ein Lager direkt unter dem Dach im 4. Stock(!) zuwies. Weitere Höhenmeter auf die wir gerne verzichtet hätten, denn WC und Waschräume befanden sich im Erdgeschoß. 😉

Nachdem wir uns häuslich eingerichtet und uns mit einem herzhaften Mittagessen
gestärkt hatten, genossen wir den ganzen Nachmittag die Panoramalage oberhalb des Gletscherbeckens in der Sonne. Immer wieder sah man neue Seilschaften zum Brandenburger Haus aufsteigen. Winzig kleine Punkte, verbunden durch ein Seil tanzten ihr „Gletscherballet“ in Richtung der Schutzhütte im gleißenden Amphitheater des Gletschers. Von so weit oben werden einem erst die Ausmaße dieses gewaltigen Gletschers (Tirols größter Gletscher) bewusst.

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“Gletscherballet”

Die Hütte war ausgebucht und voll bis unters Dach und immer noch näherten sich weitere Seilschaften.
Beim Abendessen hatte die Hüttenwirtin samt Angestellte alle Hände voll zu tun und wir waren froh der Hitze des übervollen Gastraums entfliehen zu können, denn der Sonnenuntergang auf dem Gipfel des Hausbergs, der Dahmannspitze wartete.

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Auf dem Weg zur Dahmannspitze

In ca. 30 Minuten hat man die letzten 150hm zum Hausgipfel hinter sich gebracht. Leichtes Blockgelände und ein letzter steiler Firnaufschwung, der sich aber auf Grund der Wärme des Nachmittags als bester Trittfirn präsentierte. Auf dem geräumigen Gipfelplateau hat man ein unvergleichliches Panorama und die tief stehende Sonne tauchte das Szenario in ein goldenes Licht. Rundherum nichts als Berge, Gletscher und Zacken. Die mächtige Weißkugel, Weisseespitze, Wildpitze, Similaun und viele weitere Gletscherriesen in unmittelbarer Nähe um einen herum.

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Was für ein Panorama man hier oben hat

Das Licht wurde immer wärmer und weicher, so wie man es leider nicht allzu häufig im Gebirge erleben darf. So fotografierten wir bis die Sonne deutlich unter dem Horizont verschwunden war und machten uns an den Abstieg, um vor der Milchstraße noch eine Mütze Schlaf zu finden.

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Der “perfekte” Sonnenuntergang

Nach einem kurzem Powernapping unter dem Dach der Schutzhütte standen wir 3 Stunden später erneut auf der Terrasse des Brandenburger Hauses im Schein unserer Stirnlampen. Alleine das Anlegen der schweren Bergstiefel lässt einem in dieser Höhe ungewohnt heftig schnaufen. Es war sternenklar als wir vor die schwere Türe traten, doch Minuten später, als ob wir durch das Öffnen der Eingangstüre einen verborgenen Schalter betätigt hätten, zog in Sekundenschnelle Nebel auf. Dicke Schwade zogen vom Gletscher zu uns herauf, und hüllten die Nacht in ein undurchsichtiges Laken aus Millionen Wassertröpfchen. Steht man in der Nacht im Nebel ist es unmöglich zu erkennen ob es sich um einen zähen Hangnebel oder nur um einzelne Nebelfetzen handelt und so entschlossen wir uns trotzdem in Richtung Gipfel zu stapfen. Hatten wir gerade bei unserem „Auszug“ vom 4 Stock bis zum Ausgang wahrscheinlich jeden einzelnen Hüttengast geweckt konnten wir nun unmöglich schon wieder zurück in Lager marschieren.
Das Licht unserer Stirnlampen wurde von den Abermillionen winzigen Tröpfchen des dichten Nebels so stark gebrochen und reflektiert, daß die Sicht nur wenige Meter betrug und wir waren heilfroh, daß wir nur unserer Spur vom Vorabend durch die Kälte der Nacht folgen mussten. Eine halbe Stunde später standen wir hundemüde und ein wenig ratlos am Gipfel im Nebel. Der Wetterbericht hatte sternenklare Verhältnisse für ganz Tirol prognostiziert. Wahrscheinlich war es das auch, leider nur nicht bei uns.
Nach einer guten Stunde des Wartens und vergeblichen Hoffen stiegen wir entmutigt wieder zur Hütte ab. Zweimal hatte sich der Himmel über uns geöffnet und einen gigantischen Sternenhimmel an einem der dunkelsten Flecken in ganz Tirol freigegeben, zweimal keimte kurz Hoffnung wieder auf, die jedoch jedes Mal durch dicke neue Nebelschwaden zerstört wurde.
Hundemüde stiegen wir in unsere Schlafsäcke im Lager und träumten von den Sternen, die wohl gerade über dem Nebel funkeln würden.
Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig und etwas zerknirscht an den Abstieg. Der Tag sollte heiß werden und wir hatten noch über 1500hm und 14km vor uns. 
So kämpften wir uns zurück ins Tal mit unseren „Rucksackmonstern“ … eines war jedoch schon auch unausgesprochen fest beschlossene Sache … wir würden wiederkommen!

DIE SCHÖNSTEN BILDER DER TOUR:

 

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