WOLFSCENTER DÖRVERDEN

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Die Aktionen und Traditionen von Wolfsfamilien reflektieren das kollektive Zusammenspiel verschiedener Individuen. Menschen könnten vieles über sich selbst lernen, würden sie das wölfische Leben nur genauer betrachten und versuchen, es zu verstehen.

Dr. P. Paquet 2009

 

Wer einmal in Hamburg, Bremen oder Hannover unterwegs ist, sollte sich unbedingt das Wolfscenter Dörverden anschauen.

Das Wolfscenter in Niedersachsen, direkt in der Lüneburger Heide gelegen, in der seit 2007 auch wieder wilde Wölfe beheimatet sind, hat nicht nur durch seine weitläufigen Wolfsgehege, einiges zu bieten. 

Deutschlandweit leben momentan (Stand 2013) ca. 200 Wölfe in 20 Rudeln. In Niedersachsen alleine sind bis heute 10 Wölfe beheimatet.

Sogar in Bayern ist 2010 der erste Wolf seit 150 Jahren genetisch nachgewiesen worden, die größte Population ist allerdings nach wie vor in der brandenburgisch-sächsischen Lausitz zu finden. Da der Wolf in Deutschland streng geschützt ist, darf er weder bejagt noch ausgewildert werden, deshalb sind die in Deutschland beheimateten Wölfe auch alle aus dem umliegenden Ausland eingewandert (hauptsächlich Polen). Wobei in den letzten Jahren bereits der erste Nachwuchs auf deutschem Boden nachgewiesen wurde (1),(2),(3). 

Wölfe waren in Deutschland für ca. 150 Jahre ausgerottet und entsprechend haben wir so, weitestgehend den Umgang und das Verständnis für dieses Raubtier vergessen bzw. verlernt. Hartnäckig hält sich in einigen Köpfen das Märchenbild des “kleine-Kinder-verschlingenden- Monsters”. Gebetsmühlenartig werden Halbwahrheiten am Stammtisch verbreitet oder alte Ängste geschürt. Einige Jäger, die es eigentlich besser wissen sollten, tun dabei leider Ihr Übriges, wobei aber viele darunter den Wolf als eine Bereicherung des lokalen Ökosystems sehen und das Raubtier willkommen heißen. 

Eine jeder Wissenschaftlichkeit entbehrende Glorifizierung und Mystifizierung des Wolfes ist bei der Wiederansiedlung des Wolfes jedoch genauso kontraproduktiv, wie eine gänzliche Verdammung auf Grund unbegründeter Ängste.

 

WOLF1 KopieDer Blick eines Wolfs geht durch Mark und Bein

 

Der Wolf ist, was er nun einmal ist – ein Raubtier, das jedoch eine reelle Chance haben sollte sich in seiner ursprünglichen Heimat, sogar in einem industrialisierten Land wie Deutschland, wieder dauerhaft anzusiedeln. Räume wären sogar hier ausreichend vorhanden (1)(2).

Eine Wiederansiedlung des Wolfes hat mehrere positive Aspekte. Abgesehen von der Wiederherstellung einer ursprünglichen Konstellation aus Beutegreifer und anderen Wildtieren im lokalen Ökosystems, kann die Anwesenheit eines Beutegreifers zur Verjüngung des Waldes führen. Durch den erhöhten Jagddruck könnten Verbißschäden durch das Wild reduziert werden. Wo es dagegen zu vermehrten Verbißschäden des Wildes kommt, wird die Schutzleistung des Waldes vermindert. Die Folge ist (z.B. im Alpenraum) eine größere Gefährdung der Bevölkerung durch Lawinen, Steinschlag und Muren.
Erkrankte Wildtiere werden vom Wolf deutlich früher bemerkt, als durch einen Jäger. So könnte eine Wiederansiedlung des Wolfs bei einer Reduktion der Ausbreitung einer möglichen Epidemie helfen.  Auch andere Wildtiere könnten durch die Anwesenheit des Wolfes profitieren. Beute die nicht an Ort und Stelle vom Wolf vertilgt wird, dient anderen Fleisch- und Aasfressern als Nahrung. Hier könnten z.B. die Geier im Alpenraum, die zunehmend unter Versorgungsproblemen leiden profitieren.
Abschließend besteht hierbei jedoch noch Untersuchungsbedarf. Auch der Einfluss des Wolfes auf gefährdete Tiere wie z.B. Raufußhühner muss noch geklärt werden. (2),(3),(6)

Eine Wiederansiedlung führt aber auch zu Konflikten zwischen den unterschiedlichsten Interessensgruppen. (Viehzucht, Jagd, Forstwirtschaft und Tourismus etc.) Deshalb ist ein Managementplan für die Wiederansiedlung unerlässlich. Die grundlegenden Konfliktpotentiale und mögliche Lösungsansätze werden hier diskutiert. Dabei wird offenkundig, daß bei weitem noch nicht alle Eventualitäten erforscht oder abschließend geklärt wurden. Eine umfassende Forschung und Weiterbeobachtung mit aktueller Anpassung des Managementplans bei Bedarf ist unabdingbar. Dabei ist eine gezielte Aufklärung und Information der Interessensgruppen nötig.   Dem interessierten Leser seien  folgende Links für weitere, sehr ausführliche Informationen empfohlen: http://www.wwf.at/de/wolf/ ; http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/skript201.pdf

In jedem Fall ist eine wissenschaftlich fundierte Aufklärung der Bevölkerung essentiell, um Vorurteile und unbegründete Ängste auszuräumen und ein Koexistenz zu ermöglichen. Ebenso bedarf es einer fundierten Aufklärung der Jägerschaft, die danach drängt den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen. Nach Ansicht einiger Wolfsexperten (4) ist dies jedoch zum momentanen Zeitpunkt nicht zielführend bzw. möglich. 

 

_F4Q1189kleinWölfe sind äußerst soziale Tiere.

 

Da der Wolf nach Aufnahme in das Jagdrecht, in der derzeitigen Situation, weiterhin durch das EU Recht und nationale Recht streng geschützt werden würde, müsste man ihm eine ganzjährige Schonzeit einräumen. Die FFH Richtlinien (Fauna Flora Habitat) stellen sicher, daß der Wolf dann nur in der Jagdausübung geschossen werden dürfte, wenn sich seine Population in einem “guten Erhaltungszustand” befände. “Eine Population (wie z.B. die deutsch-westpolnische) ist laut genetischen Untersuchungen aber erst dann in einem guten Erhaltungszustand (mit ausreichender genetischer Variabilität), wenn sie mindestens 1000 Tiere zählt, ein regelmäßiger freier Austausch der Individuen innerhalb des gesamten Populationsgebietes erfolgen kann und wenn diese 1000 Tiere auf eine ausreichende genetische Vielfalt zurückzuführen ist (also nicht, wenn sie von relativ wenigen Tieren abstammen wie die kleine deutsch-westpolnische Population heutzutage). Der Erhaltungszustand muss durch harte Daten belegt werden (u.a. im Rahmen des Monitorings ermittelte C1- und C2-Nachweise)” (1)(4) 

Weiterhin fehlt z.B. eine fundierte fachliche Ausbildung in den Vorbereitungslehrgängen zur Jagdprüfung, so daß dem Durchschnittsjäger das Fachwissen über die Wildbiologie des Wolfes fast gänzlich fehlt. Eine fundierte Kenntnis über den Wolf wäre jedoch für jeden Jäger unerlässlich, ist der Wolf nun im Jagdrecht verankert oder nicht, um seinen Hege- und Pflegeauftrag weiterhin im “Wolfsgebiet” nachzukommen.  Nicht zu letzt deshalb, da das Jagdrevier eines einzelnen Wolfes die Ausdehnung von 20 menschlichen Jagdrevieren umfassen kann (4).

Eine Bejagung des Wolfes müsste anhand von Abschussplänen genau festgelegt werden. Bevor ein Jäger ein Tier strecken (erlegen) darf, muss er es ansprechen (jagdkundl. für Beurteilung von Geschlecht, Alter etc.). Der Mangel an fachkundigem Wissen über den Wolf macht es aber für die meisten Jäger unmöglich einen Wolf richtig anzusprechen. Sogar für Wolfsexperten ist es oftmals sehr schwierig einen Jährling von einem adulten Wolf zu unterscheiden. Selbst die Verwechselung von Hund mit Wolf ist immer wieder aus der Jägerschaft berichtet worden und ganz aktuell sogar als Begründung für einen Abschuss eines Wolfs durch einen Jägers vorgebracht worden: Er habe den Wolf für einen wildernden Hund gehalten. („Wer einen wolfsähnlich aussehenden Hund schießt, obwohl in der Region und der überregionalen Presse über die zweifelsfreie Anwesenheit eines Wolfes berichtet wird, jagt nicht waidgerecht. Ihm muss zwingend der Jagdschein entzogen werden“, NABU Wolfsexperte Markus Bathen) .(http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf/news/15948.html)

Solange auch nur ein Jäger einen Hund nicht von einem Wolf unterscheiden kann (sei es als Schutzbehauptung oder real), hat meiner Ansicht nach der Wolf nichts im Jagdrecht verloren, bzw. müsste umgekehrt dann der Abschuss eines wildernden Hundes verboten werden. Wobei ich hierbei nicht von einer Nichtbestrafung der Hundehalter für ihren wildernden Hund spreche. 

 

The Old one KopieDer Älteste der “wilden Wölfe” ist schon 12 1/2 obwohl Wölfe in Gefangenschaft nur rund 12 Jahre werden!

 

Das Wolfscenter in Dörverden geht da meines Erachtens genau den richtigen Weg.

Hier wird versucht der Bevölkerung das Wesen des Wolfes sachlich, wissenschaftlich fundiert und ohne Wertung nahezubringen. In mehrmals täglichen, einstündigen Führungen wird bei einem Rundgang durch den Park versucht alle Vorurteile und Missverständnisse bezüglich des Wolfs auszuräumen. Es wird ausführlich sowohl der Lebenszyklus eines Wolfs, das Sozialverhalten, Kommunikation, Jagd und Beute der Wölfe besprochen, als auch alle Konfliktpotentiale zwischen Wolf und Mensch behandelt. Hier wird das richtige Verhalten diskutiert beim unwahrscheinlichen Aufeinandertreffen mit einem Wolf in freier Wildbahn und die wirksamsten Möglichkeiten des Herdenschutzes besprochen und veranschaulicht. Man erfährt quasi alle wichtigen Fakten über den europäischen Grauwolf. Auch gängige Irrtümer wie das hierarchische “Alphaverhalten”, das wissenschaftlich erwiesener Weise nur bei in Gefangenschaft gehaltenen Wölfe vorkommt, werden ausgeräumt.

Dabei umrundet man die großzügigen Gehege von momentan 4 in Gefangenschaft geborenen Wölfen, die jedoch von adulten Wölfen erzogen und sozialisiert wurden und jeweils 6 von Hand aufgezogenen Wölfen, die wiederum von tschechoslowakischen Wolfshybriden erzogen und sozialisiert wurden.

Dabei zeigen die “Nichthandaufzuchten” weiterhin ein menschenscheues Verhalten, während die “Handaufzuchten” trotz der Größe des Geheges, eine gewisse Nähe zu den Menschen außerhalb des Geheges nicht scheuen und daher sehr nahe beobachtet werden können. So wird es dem Besucher möglich gemacht Wölfe wirklich einmal aus nächster Nähe zu beobachten.

Man erfährt alles Wissenswerte über Wolfshybridisierung, die damit verbundenen Gefahren und kann bei der täglichen Fütterung beiwohnen. 

Als wir dort waren haben die Wolfshunde ein Heulkonzert gestartet, zu dem erst die Handaufzuchten und schlussendlich auch die nicht Handaufzuchten mit eingestimmt haben. 

 

_F4Q1219neuHeulen dient der Kommunikation und der Stärkung der Gemeinschaft und kann Distanzen bis zu 20 km “überwinden”.

 

Howling with wolves from Dr. Nicholas Roemmelt on Vimeo.

Aus fotografischer Sicht kann man hier zu jeder Jahreszeit wunderschöne, barrierefreie Aufnahmen machen. Am Eingang kann man sich einen Schlüssel zu den vielen Fotoklappen für eine Stunde oder den ganzen Tag leihen und/oder mit einem Pfleger auf Fotopirsch (nur nach Anmeldung) gehen. Hierbei wird das Gehege zusammen mit dem Pfleger betreten um innerhalb der Wolfsgehege Bilder machen zu können (!). 

Eine ausführliche Dauerausstellung und Kino informiert weiterhin über alles Wissenswerte über den Wolf.

Ist man Hundehalter kann man auch anhand des Wolfsverhaltens sehr viel Interessantes über seinen eigenen Vierbeiner lernen. Nachdem das Genom des Hundes zu 99,96% mit dem des Wolfes übereinstimmt, sind sich Wolf und Hund auch nach Jahrtausenden paralleler Entwicklung sehr ähnlich. Gerade die Fehlinterpretation eines angeblichen “Alphaverhaltens” unter Wölfen, prägte seit Jahrzehnten (und prägt leider immer noch) häufig die gängige Lehrmeinung in den Hundeschulen. Interessante Forschungen werden hierzu bereits seit Jahren in Kanada unter der Leitung von Günther Bloch und Dr. Paul Paquet geführt (5). 

Man kann über die Haltung wilder Tiere in Gehegen denken wie man möchte. Aus meiner Sicht der Dinge sind solche Zentren jedoch unerlässlich, will man Vorurteile in der Bevölkerung beseitigen und öffentlichkeitswirksam über den Wolf und sein Verhalten informieren. Wir haben in der Führung Menschen erlebt, die sich jetzt eben an den Gedanken gewöhnen müssen, “hoppla jetzt gehe ich mit meinem Hund ja plötzlich wirklich im “Wolfsgebiet” spazieren” und auch tatsächlich auf Grund mangelnden Wissens komplett verunsicherte sind: “Kann ich mich noch alleine in den Wald trauen?”, “Was tue ich wenn ich einem Wolf über den Weg laufe?”.

Auf Grund dieser realen Ängste ist es meines Erachten einfach unerlässlich einige Individuen als “Botschafter” ihrer Art in (möglichst “artgerechter”) Gefangenschaft zu halten, damit jeder der den Park wieder verlässt in den Slogan einer bekannten deutschen Naturschutzorganisation mit einstimmen kann: “Rotkäppchen lügt!”

 

_F4Q1303kleinFear lies in the eyes of the beholder, don´t let it be you …

 

Wer gerne mehr über Wölfe, Wolfsforschung etc. erfahren möchte, dem seien noch folgende Links empfohlen:

 

http://www.wolfcenter.de/Wolfcenter.html 

https://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf/ 

http://www.hundefarm-eifel.de/ 

http://www.hundefarm-eifel.de/index.php/kanadaprojekt 

http://www.elli-radinger.de/ 

http://www.yellowstone-wolf.de/

http://pacificwild.org/site/our-work/books.html

http://www.wwf.at/de/wolf/

 

 

Quellen

(1)  Ilka Reinhardt und Gesa Kluth: Leben mit Wölfen: Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland; BfN-Skripten 201; 2007 (http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/skript201.pdf)

(2) Peter Sürth, Dr. Christine Miller, Dr. Janosch Arnold: “Lernen, mit dem Wolf zu leben – Fragen aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd und Tourismus”, WWF Deutschland, 10/ 2013 (http://www.wwf.at/de/wolf/)

(3) https://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf/ 

(4) http://www.wolfcenter.de/Wolfcenter-Unsere-Standpunkte-Bejagung-von-Woelfen.html

(5) http://www.hundefarm-eifel.de/index.php/kanadaprojekt

(6) www.20min.ch :”Der Wolf tut dem Wald gut”; 9/2013, http://www.20min.ch/wissen/news/story/27768538

 

GALERIE:

 

 

2 thoughts on “WOLFSCENTER DÖRVERDEN”

  1. Sehr gut geschriebener und interessanter Artikel mit tollen Bildern! Ich hoffe daß viele Leute den Artikel lesen und er etwas hilft, mit Vorurteilen gegenüber Wölfen aufzuräumen!

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